
ERSTER AUFZUG
(Noch mehrere Lehrbuben sind eingetreten, sie tragen und stellen Bänke und bereiten alles zur Sitzung der Meistersinger vor) 1. Lehrbube David! Was stehst? 2. Lehrbube Greif ans Werk! 3. Lehrbube Hilf uns richten das Gemerk! David Zu eifrigst war ich vor euch allen; schafft nun für euch, hab' ander Gefallen! 2. Lehrbube Was der sich dünkt! 3. Lehrbube Der Lehrling' Muster! 1. Lehrbube Das macht, weil sein Meister ein Schuster! 2. Lehrbube Beim Leisten sitzt er mit der Feder! 3. Lehrbube Beim Dichten mit Draht und Pfriem! 1. Lehrbube Sein' Verse schreibt er auf rohes Leder. 2. Lehrbube (mit entsprechender Gebärde) Das, dächt' ich, gerbten wir ihm! (Sie machen sich lachend an die fernere Herrichtung) David (nachdem er den sinnenden Ritter eine Weile betrachtet ruft sehr stark) "Fanget an!" Walther (verwundert aufblickend) Was soll's? David (noch stärker) "Fanget an!" So ruft der "Merker": nun sollt ihr singen! Wisst ihr das nicht? Walther Wer ist der Merker? David Wisst ihr das nicht? War't ihr noch nie bei 'nem Singgericht? Walther Noch nie, wo die Richter Handwerker. David Seid ihr ein "Dichter"? Walther Wär' ich's doch! David Seid ihr "Singer"? Walther Wüsst' ich's noch! David Doch "Schulfreund" wart hhr, und "Schüler" zuvor? Walther Das klingt mir alles fremd vorm Ohr! David Und so gradhin wollt ihr Meister werden? Walther Wie machte das so grosse Beschwerden? David O Lene! Lene! Walther Wie ihr doch tut! David O Magdalene! Walther Ratet mir gut! David (setzt sich in Positur) Mein Herr! Der Singer Meisterschlag gewinnt sich nicht an einem Tag. In Nürenberg der grösste Meister mich lehrt die Kunst Hans Sachs! Schon voll ein Jahr mich unterweist er, dass ich als Schüler wachs'. Schuhmacherei und Poeterei, die lern' ich da alleinerlei; hab' ich das Leder glatt geschlagen, lern' ich Vokal und Konsonanz sagen; wichst' ich den Draht erst fest und steif, was sich dann reimt, ich wohl begreif'. Den Pfriemen schwingend im Stich die Ahl', was stumpf, was klingend, was Mass, was Zahl - den Leisten im Schurz, was lang, was kurz, was hart, was lind, hell oder blind, was Waisen, was Milben, was Klebsilben, was Pausen, was Körner, was Blumen, was Dörner, - das alles lernt' ich mit Sorg' und Acht: wie weit nun, meint ihr, dass ich's gebracht? Walther Wohl zu 'nen Paar recht guter Schuh'? David Ja, dahin hat's noch gute Ruh'! Ein "Bar" hat manch' Gesätz' und Gebänd'; wer da gleich die rechte Regel fänd', die richt'ge Naht und den rechten Draht, mit gut gefügten "Stollen" den Bar recht zu versohlen. Und dann erst kommt der "Abgesang", dass er nicht kurz und nicht zu lang, und auch keinen Reim enthält, der schon im Stollen gestellt. Wer alles das merkt, weiss und kennt, wird doch immer noch nicht Meister genennt. Walther Hilf Gott! Will ich denn Schuster sein? In die Singkunst lieber führ' mich ein! David Ja - hätt' ich's nur selbst schon zum Singer gebracht! Wer glaubt wohl, was das für Mühe macht? Der Meister Tön' und Weisen, gar viel an Nam' und Zahl, die starken und die leisen, wer die wüsste allzumal! Der kurze, lang' und überlang' Ton, die Schreibpapier-, Schwarztintenweis'; der rote, blau' und grüne Ton; die Hageblüh-, Strohhalm-, Fenchelweis'; der zarte, der süsse, der Rosenton; die Rosmarin-, Gelbveigleinweis', die Regenbogen-, die Nachtigallweis'; die englische Zinn-, die Zimmtröhrenweis'; frisch Pomeranzen-, grün Lindenblüh'weis'; die Frösch-, die Kälber-, die Stieglitzweiss', die abgeschied'ne Vielfrassweis', der Lerchen, der Schnekken-, der Bellerton, die Melissenblümlein-, die Meiranweis', (gefühlvoll) Gelblöwenhaut-, treu Pelikanweis', (prunkvoll) die buntglänzende Drahtweis'! Walther Hilf Himmel! Welch endlos Tönegeleis'! David Das sind nur die Namen; nun lernt sie singen, recht, wie die Meister sie gestellt. Jed' Wort und Ton muss klärlich klingen, wo steigt die Stimm', und wo sie fällt; fangt nicht zu hoch, zu tief nicht an, als es die Stimm' erreichen kann. Mit dem Atem spart, dass er nicht knappt, und gar am End' ihr überschnappt; vor dem Wort mit der Stimme ja nicht summt, nach dem Wort mit dem Mund auch nicht brummt. Nicht ändert an Blum' und Koloratur, jed' Zierat fest nach des Meisters Spur. Verwechseltet ihr, würdet gar irr, verlört ihr euch und kämt ins Gewirr: wärt ihr euch alles auch gelungen, da hättet ihr gar "versungen"! Trotz grossem Fleiss und Emsigkeit, ich selbst noch bracht' es nicht so weit. So oft ich's versuch' und's nicht gelingt, die "Knieriemschlagweis" der Meister mir singt. (sanft) Wenn dann Jungfer Lene nicht Hilfe weiss, (greinend) sing' ich die "eitel Brot- und Wasserweis'!" Nehmt euch ein Beispiel dran, und lasst vom Meisterwahn! Denn "Singer" und "Dichter" müsst ihr sein, eh' ihr zum "Meister" kehret ein. Walther Wer ist nun "Dichter"? Lehrbuben (während der Arbeit) David! Kommst her? David (zu den Lebrbuben) Wartet nur - Gleich! (schnell wieder zu Walther sich wendend) Wer Dichter wär'? Habt ihr zum "Singer" euch aufgeschwungen und der Meister Töne richtig gesungen, fügtet ihr selbst nun Reim' und Wort', dass sie genau an Stell' und Ort passten zu eines Meisterston, dann trügt ihr den Dichterpreis davon. Lehrbuben He! David! Soll man's dem Meister klagen? Wirst dich bald deines Schwatzens entschlagen? David Oho! Ja wohl! denn helf' ich euch nicht, ohne mich wird alles doch falsch gericht'! (Er will sich zu ihnen wenden) Walther (ihn zurückhaltend) Nur dies noch: wer wird "Meister" genannt? David (schnell wieder umkehrend) Damit, Herr Ritter, ist's so bewandt: (mit sehr tiefsinniger Miene) Der Dichter, der aus eig'nem Fleisse zu Wort' und Reimen, die er erfand, aus Tönen auch fügt eine neue Weise: der wird als "Meistersinger" erkannt. Walther So bleibt mir einzig der Meisterlohn! Muss ich singen kann's nur gelingen, find' ich zum Vers auch den eig'nen Ton. David (der sich zu den Lehrbuben gewendet hat) Was mach ihr denn da? Ja, fehl' ich beim Werk, verkehrt nur richtet ihr Stuhl und Gemerk! (Er wirft polternd und lärmend die Anordnungen der Lehrbuben in betreff des Gemerkes um) Ist denn heut' Singschul'? Dass ihr's wisst! Das kleine Gemerk'! Nur Freiung ist. (Die Lehrbuben, welche in der Mitte der Bühne ein grösseres Gerüste mit Vorhängen aufgeschlagen hatten, schaffen auf Davids Weisung dies schnell beiseite und stellen dafür ebenso eilig ein geringeres Brettergerüst auf; darauf stellen sie einen Stuhl, mit einem kleinen Pult davor, daneben eine grosse schwarze Tafel, daran die Kreide am Faden aufgehängt wird; um das Gerüst sind schwarze Vorhänge angebracht, welche zunächst hinten und an den beiden Seiten, dann auch vorn ganz zusammengezogen werden) Lehrbuben (während der Herrichtung) Aller End' ist doch David der Allergescheit'st, nach hohen Ehren ganz sicher er geizt. 's ist Freiung heut', gewiss er freit, als vornehmer Singer er schon sich spreizt! Die "Schlagreime" fest er inne hat, "Arm Hungerweise" singt er glatt! Doch die "harte Trittweis'", die kennt er am best', (mit der Gebärde zweier Fusstritte) die trat ihm der Meister hart und fest. (Sie lachen) David Ja, lacht nur zu! Heut' bin ich's nicht. Ein andrer stellt sich zum Gericht: der war nicht "Schüler", ist nicht "Singer" den "Dichter", sagt er, überspring' er; denn er ist Junker, und mit einem Sprung er denkt, ohne weit're Beschwerden heut' hier "Meister" zu werden. Drum richtet nur fein das Gemerk dem ein! (während die Lehrbuben vollends aufrichten) Dorthin! Hierher! Die Tafel an die Wand, so dass sie recht dem Merker zur Hand! (zu Walther sich umwendend) Ja, ja dem "Merker"! Wird euch wohl bang? Vor ihm schon mancher Werber versang. Sieben Fehler gibt er euch vor, die merkt er mit Kreide dort an; wer über sieben Fehler verlor, hat versungen und ganz vertan! Nun nehmt euch in acht: Der Merker wacht! (derb in die Hände schlagend) Glück auf zum Meistersingen! Mögt euch das Kränzlein erschwingen! Das Blumenkränzlein aus Seiden fein wird das dem Herrn Ritter beschieden sein? (Die Lehrbuben, welche zu gleicher Zeit das Gemerk geschlossen haben, fassen sich an und tanzen einen verschlungenen Reigen um dasselbe) Lehrbuben (zusammen) Das Blumenkränzlein aus Seiden fein, wird das dem Herrn Ritter beschieden sein? (Die Lehrbuben fahren sogleich erschrocken auseinander, als die Sakristei aufgeht und Pogner mit Beckmesser eintritt; sie ziehen sich nach hinten zurück.) (Die Einrichtung ist nun folgendermassen beendigt: zur Seite rechts sind gepolsterte Bänke in der Weise aufgestellt, dass sie einen schwachen Halbkreis nach der Mitte zu bilden. Am Ende der Bänke, in der Mitte der Bühne, befindet sich das "Gemerk" benannte Gerüste, welches zuvor hergerichtet worden. Zur linken Seite steht nur der erhöhte kathederartige Stuhl ("der Singstuhl") der Versammlung gegenüber. Im Hintergrunde, den grossen Vorhang entlang, steht eine lange niedere Bank für die Lehrlinge. - Walther, verdriesslich über das Gespött der Knaben, hat sich auf die vordere Bank niedergelassen. Pogner ist mit Beckmesser im Gespräch aus der Sakristei aufgetreten. Die Lehrbuben harren ehrerbietig vor der hinteren Bank stehend. Nur David stellt sich anfänglich am Eingang bei der Sakristei auf) Pogner Seid meiner Treue wohl versehen, was ich bestimmt, ist euch zu Nutz: im Wettgesang müsst ihr bestehen, wer böte euch als Meister Trutz? Beckmesser Doch wollt ihr von dem Punkt nicht weichen, der mich - ich sag's - bedenklich macht: kann Evchens Wunsch den Werber streichen, was nützt mir meine Meisterpracht? Pogner Ei sagt, ich mein', vor allen Dingen sollt' euch an dem gelegen sein? Könnt ihr der Tochter Wunsch nicht zwingen, wie möchtet ihr wohl um sie frei'n? Beckmesser Ei ja! Gar wohl! Drum eben bitt' ich, dass bei dem Kind ihr für mich sprecht, wie ich geworben zart und sittig, und wie Beckmesser grad' euch recht. Pogner Das tu ich gern. Beckmesser (beiseite) Er lässt nicht nach. Wie wehrt' ich da 'nem Ungemach? Walther (der, als er Pogner gewahrt, aufgestanden und ihm entgegen gegangen ist, verneigt sich vor ihm.) Gestattet, Meister! Pogner Wie, mein Junker? Ihr sucht mich in der Singschul' hie? (Pogner und Walther wechseln Begrüssungen) Beckmesser (immer beiseite) Verstünden's die Frau'n; doch schlechtes Geflunker gilt ihnen mehr als all' Poesie! (Er geht verdriesslich im Hintergrunde auf und ab) Walther Hier eben bin ich am rechten Ort: gesteh' ich's frei, vom Lande fort was mich nach Nürnberg trieb, war nur zur Kunst die Lieb'. Vergass ich's gestern euch zu sagen, heut' muss ich's laut zu künden wagen: ein Meistersinger möcht' ich sein! (sehr innig) Schliesst, Meister, in die Zunft mich ein! (Kunz Vogelgesang und Konrad Nachtigall sind eingetreten.) Pogner (freudig zu den Hinzutretenden sich wendend) Kunz Vogelgesang! Freund Nachtigall! Hört doch, welch ganz besond'rer Fall: der Ritter hier, mir wohlbekannt, hat der Meisterkunst sich zugewandt. (Vorstellungen und Begrüssungen; andre Meistersinger treten noch hinzu) Beckmesser (wieder in der Vordergrund tretend, für sich) Noch such' ich's zu wenden; doch sollt's nicht gelingen, versuch' ich des Mädchens Herz zu ersingen: in stiller Nacht, von ihr nur gehört, erfahr' ich, ob auf mein Lied sie schwört. (Walther erblickend) Wer ist der Mensch? Pogner (sehr warm zu Walther fortfahrend) Glaubt, wie mich's freut! Die alte Zeit dünkt mich erneut. Beckmesser (immer noch für sich) Er gefällt mir nicht! Pogner Was ihr begehrt, soviel an mir, sei's euch gewährt. Beckmesser Was will er hier? Wie der Blick ihm lacht! Pogner Half ich euch gern bei des Guts Verkauf, in die Zunft nun nehm' ich Eudi gleich gern auf. Beckmesser Holla! Sixtus! Auf den hab' acht! Walther (zu Pogner) Habt Dank der Güte aus tiefstem Gemüte! Und darf ich denn hoffen, steht heut' mir noch offen, zu werben um den Preis, dass Meistersinger ich heiss'? Beckmesser Oho! Fein sacht! Auf dem Kopf steht kein Kegel! Pogner Herr Ritter, dies geh' nun nach der Regel. Doch heut' ist Freiung, ich schlag' euch vor, mir leihen die Meister ein willig Ohr. (Die Meistersinger sind nun alle angelangt, zuletzt auch Hans Sachs.) Sachs Gott grüss' euch, Meister! Vogelgesang Sind wir beisammen? Beckmesser Der Sachs ist ja da! Nachtigall So ruft die Namen! Kothner (zieht eine Liste hervor, stellt sich zur Seite auf und ruft laut) Zu einer Freiung und Zunftberatung ging an die Meister ein' Einladung: bei Nenn' und Nam', ob jeder kam, ruf' ich nun auf als Letztentbot'ner, der ich mich nenn' und bin Fritz Kothner. Seid ihr da, Veit Pogner? Pogner Hier zur Hand! (setzt sich) Kothner Kunz Vogelgesang? Vogelgesang Ein sich fand. (setzt sich) Kothner Hermann Ortel? Ortel Immer am Ort. (setzt sich) Kothner Balthasar Zorn? Zorn Bleibt niemals fort. (setzt sich) Kothner Konrad Nachtigall? Nachtigall Treu seinem Schlag. (setzt sich) Kothner Augustin Moser? Moser Nie fehlen mag. (setzt sich) Kothner Niklaus Vogel? Schweigt? Lehrbube (von der Bank aufstehend) Ist krank! Kothner Gut Bess'rung dem Meister! Alle Meister Walt's Gott! Lehrbube Schön' Dank! (Er setzt sich wieder nieder.) Kothner Hans Sachs? David (vorlaut sich erhebend und auf Sachs zeigend) Da steht er! Sachs (drohend zu David) Juckt dich das Fell? Verzeiht, Meister! Sachs ist zur Stell'! (setzt sich) Kothner Sixtus Beckmesser? Beckmesser (während er sich setzt) Immer bei Sachs, dass den Reim ich lern von "blüh'" und "wachs" (Sachs lacht) Kothner Ulrich Eisslinger? EISSLINGER Hier. (setzt sich) Kothner Hans Foltz? FOLTZ Bin da. (setzt sich) Kothner Hans Schwarz? SCHWARZ Zuletzt: Gott wollt's. (setzt sich) Kothner Zur Sitzung gut und voll die Zahl. Beliebt's, wir schreiten zur Merkerwahl? Vogelgesang Wohl eh'r nach dem Fest? Beckmesser (zu Kothner) Pressiert's den Herrn? Mein' Stell' und Amt lass' ich ihm gern. Pogner Nicht doch, ihr Meister, lasst das jetzt fort. Für wicht'gen Antrag bitt' ich ums Wort. (Die Meister stehen auf, nicken Kothner zu und setzen sich wieder) Kothner Das habt ihr; Meister, sprecht! Pogner Nun hört und versteht mich recht! Das schöne Fest, Johannistag, ihr wisst, begeh'n wir morgen; auf grüner Au', am Blumenhag, bei Spiel und Tanz im Lustgelag, an froher Brust geborgen, vergessen seiner Sorgen, ein jeder freut sich, wie er mag. Die Singschul' ernst im Kirchenchor die Meister selbst vertauschen, mit Kling und Klang hinaus zum Tor auf off'ne Wiese zieh'n sie vor, bei hellen Festes Rauschen das Volk sie lassen lauschen dem Freigesang mit Laienohr. Zu einem Werb- und Wettgesang gestellt sind Siegespreise, und beide rühmt man weit und lang, die Gabe wie die Weise. Nun schuf mich Gott zum reichen Mann; und gibt ein jeder, wie er kann, so musste ich wohl sinnen, was ich gäb' zu gewinnen, dass ich nicht käm' zuschand'; so hört denn, was ich fand. - In deutschen Landen viel gereist, hat oft es mich verdrossen, dass man den Bürger wenig preist, ihn karg nennt und verschlossen. An Höfen, wie an nied'rer Statt, des bitt'ren Tadels ward' ich satt, dass nur auf Schacher und Geld sein Merk der Bürger stellt. Dass wir im weiten deutschen Reich die Kunst einzig noch pflegen, dran dünkt ihnen wenig gelegen. Doch wie uns das zur Ehre gereich', und dass mit hohem Mut wir schätzen, was schön und gut, was wert die Kunst, und was sie gilt, das ward ich der Welt zu zeigen gewillt, drum hört, Meister, die Gab', die als Preis bestimmt ich hab'! Dem Singer, der im Kunstgesang vor allem Volk den Preis errang am Sankt Johannistag, sei er, wer er auch mag, dem geb' ich, ein Kunstgewog'ner, von Nürenberg Veit Pogner, mit all meinem Gut, wie's geh' und steh', Eva, mein einzig Kind, zur Eh'! Die Meistersinger (sich erhebend und sehr lebhaft durcheinander) Das heisst ein Wort, ein Wort, ein Mann! Da sieht man, was ein Nürnberger kann! Drob preist man euch noch weit und breit, den wack'ren Bürger, Pogner Veit! Lehrbuben (lustig aufspringend) Alle Zeit! Weit und breit! Pogner Veit! Vogelgesang Wer möchte da nicht ledig sein! Sachs Sein Weib gäb' mancher gern wohl drein! Kothner Auf, ledig' Mann! jetzt macht euch 'ran! (Die Meister setzen sich allmählich wieder nieder, die Lehrbuben ebenfalls) Pogner Nun hört noch, wie ich's ernstlich mein'! Ein leblos' Gabe stell' ich nicht; ein Mägdlein sitzt mit zum Gericht: den Preis erkennt die Meisterzunft; doch, gilt's der Eh', so will's Vernunft, dass ob der Meister Rat die Braut den Ausschlag hat. Beckmesser (zu Kothner gewandt) Dünkt euch das klug? Kothner Versteh' ich gut, Ihr gebt uns in des Mägdleins Hut? Beckmesser Gefährlich das! Kothner Stimmt es nicht bei, wie wäre dann der Meister Urteil frei? Beckmesser Lasst's gleich wählen nach Herzensziel, und lasst den Meistergesang aus dem Spiel! Pogner Nicht so! Wie doch? Versteht mich recht! Wem ihr Meister den Preis zusprecht, die Maid kann dem verwehren, doch nie einen andren begehren. Ein Meistersinger muss er sein, nur wen ihr krönt, den soll sie frei'n. Sachs Verzeiht! Vielleicht schon ginget ihr zu weit. Ein Mädchenherz und Meisterkunst erglüh'n nicht stets in gleicher Brunst: der Frauen Sinn, gar unbelehrt, dünkt mich dem Sinn des Volks gleich wert. Wollt ihr nun vor dem Volke zeigen, wie hoch die Kunst ihr ehrt, und lasst ihr dem Kind die Wahl zu eigen, wollt nicht, dass dem Spruch es wehrt: so lasst das Volk auch Richter sein, mit dem Kinde sicher stimmt's überein. Die Meister Oho! Das Volk? Ja, das wäre schön! Ade dann Kunst und Meistertön'! Kothner Nein, Sachs! Gewiss, das hat keinen Sinn! Gäb't ihr dem Volk die Regeln hin? Sachs Vernehmt mich recht! Wie ihr doch tut! Gesteht, ich kenn' die Regeln gut, und dass die Zunft die Regeln bewahr', bemüh' ich mich selbst schon manches Jahr. Doch einmal im Jahre fänd' ich's weise, dass man die Regeln selbst probier', ob in der Gewohnheit trägem Gleise ihr' Kraft und Leben nicht sich verlier'! Und ob ihr der Natur noch seid auf rechter Spur, das sagt euch nur, wer nichts weiss von der Tabulatur. (Die Lehrbuben springen auf und reiben sich die Hände.) Beckmesser Hei wie sich die Buben freuen! Sachs (eifrig fortfahrend) Drum möcht' es euch nie gereuen, dass jährlich am Sankt Johannisfest, statt dass das Volk man kommen lässt, herab aus hoher Meisterwolk' ihr selbst euch wendet zu dem Volk. Dem Volke wollt ihr behagen; nun dächt' ich, läg' es nah: ihr liesst es selbst euch auch sagen, ob das ihm zur Lust geschah. Dass Volk und Kunst gleich blüh' und wachs' bestellt ihr so, mein' ich, Hans Sachs! Vogelgesang Ihr meint's wohl recht! Kothner Doch steht's drum faul. Nachtigall Wenn spricht das Volk, halt' ich das Maul. Kothner Der Kunst droht allweil Fall und Schmach, läuft sie der Gunst des Volkes nach. Beckmesser Drin bracht' er's weit, der hier so dreist: Gassenhauer dichtet er meist. Pogner Freund Sachs! Was ich mein', ist schon neu; zu viel auf einmal brächte Reu'. (Er wendet sich zu den Meistern) So frag' ich, ob den Meistern gefällt Gab' und Regel, so wie ich's gestellt? (Die Meister erheben sich beistimmend.) Sachs Mir genügt der Jungfer Ausschlagstimm'. Beckmesser Der Schuster weckt doch stets mir Grimm! Kothner Wer schreibt sich als Werber ein? Ein Junggesell muss es sein. Beckmesser Vielleicht auch ein Witwer? Fragt nur den Sachs! Sachs Nicht doch, Herr Merker! Aus jüng'rem Wachs, als ich und ihr, muss der Freier sein, soll Evchen ihm den Preis verleih'n. Beckmesser Als wie auch ich? Grober Gesell'! Kothner Begehrt wer Freiung, der komm' zur Stell'! Ist jemand gemeld't, der Freiung begehrt? Pogner Wohl, Meister, zur Tagesordnung kehrt und nehmt von mir Bericht, wie ich auf Meisterpflicht einen jungen Ritter empfehle, der will, dass man ihn wähle, und heut' als Meistersinger frei'. Mein Junker Stolzing, kommt herbei! (Walther tritt hervor und verneigt sich) Beckmesser (beiseite) Dacht' ich mir's doch! Geht's da hinaus, Veit? (laut) Meister, ich mein', zu spät ist's der Zeit! Die Meister Der Fall ist neu: Ein Ritter gar? soll man sich freu'n? Wäre Gefahr? Immerhin hat's ein gross Gewicht, dass Meister Pogner für ihn spricht. Kothner Soll uns der Junker willkommen sein; zuvor muss er wohl vernommen sein. Pogner Vernehmt ihn wohl! Wünsch' ich ihm Glück, nicht bleib' ich doch hinter der Regel zurück. Tut, Meister, die Fragen! Kothner So mög' uns der Junker sagen: ist er frei und ehrlich geboren? Pogner Die Frage gebt verloren, da ich euch selbst dess Bürge steh', dass er aus frei' und edler Eh': Von Stolzing Walther aus Frankenland, nach Brief und Urkund mir wohlbekannt. Als seines Stammes letzter Spross, verliess er neulich Hof und Schloss und zog nach Nürnberg her, dass er hier Bürger wär'. Beckmesser Neu Junkerunkraut - tut nicht gut. Nachtigall Freund Pogners Wort Genüge tut. Sachs Wie längst von den Meistern beschlossen ist, ob Herr, ob Bauer, hier nichts beschliesst; hier fragt sich's nach der Kunst allein, wer will ein Meistersinger sein. Kothner Drum nun frag' ich zur Stell': welch 'Meister seid ihr Gesell'? Walther Am stillen Herd in Winterszeit, wann Burg und Hof mir eingeschneit, wie einst der Lenz so lieblich lacht', und wie er bald wohl neu erwacht, ein altes Buch, vom Ahn' vermacht, gab das mir oft zu lesen: Herr Walther von der Vogelweid', der ist mein Meister gewesen. Sachs Ein guter Meister! Beckmesser Doch lang schon tot; wie lehrt' ihn der wohl der Regeln Gebot? Kothner Doch in welcher Schul' das Singen mocht' euch zu lernen gelingen? Walther Wann dann die Flur vom Frost befreit und wiederkehrt die Sommerszeit; was einst in langer Wintersnacht das alte Buch mir kundgemacht, das schallte laut in Waldes Pracht, das hört' ich hell erklingen: im Wald dort auf der Vogelweid' da lernt' ich auch das Singen. Beckmesser Oho! Von Finken und Meisen lerntet ihr Meisterweisen? Das wird denn wohl auch darnach sein! Vogelgesang Zwei art'ge Stollen fasst' er da ein. Beckmesser Ihr lobt ihn, Meister Vogelgesang, wohl weil vom Vogel er lernt' den Gesang? Kothner (beiseite zu den Meistern) Was meint ihr, Meister, frag' ich noch fort? Mich dünkt, der Junker ist fehl am Ort. Sachs Das wird sich bäldlich zeigen: wenn rechte Kunst ihm eigen und gut er sie bewährt, was gilt's, wer sie ihn gelehrt? Kothner (zu Walther) Seid ihr bereit, ob euch geriet mit neuer Find' ein Meisterlied, nach Dicht' und Weis' eu'r eigen, zur Stunde jetzt zu zeigen? Walther Was Winternacht, was Waldespracht, was Buch und Hain mich wiesen, was Dichtersanges Wundermacht mir heimlich wollt' erschliessen; was Rosses Schritt beim Waffenritt, was Reihentanz bei heitrem Schanz mir sinnend gab zu lauschen: gilt es des Lebens höchsten Preis um Sang mir einzutauschen, zu eig'nem Wort und eigner Weis' will einig mir es fliessen, als Meistersang, ob den ich weiss, euch Meistern sich ergiessen. Beckmesser Entnahmt ihr was der Worte Schwall? Vogelgesang Ei nun, er wagt's! Nachtigall Merkwürd'ger Fall! Kothner Nun, Meister! Wenn's gefällt, werd' das Gemerk bestellt. (zu Walther) Wählt der Herr einen heil'gen Stoff? Walther Was heilig mir, der Liebe Panier, schwing' und sing' ich, mir zu Hoff'! Kothner Das gilt uns weltlich. Drum allein, Meister Beckmesser, schliesst euch ein! Beckmesser (erhebt sich und schreitet wie widerwillig dem Gemerk zu) Ein saures Amt, und heut' zumal! Wohl gibt's mit der Kreide manche Qual. (Er verneigt sich gegen Walther.) Herr Ritter, wisst: Sixtus Beckmesser Merker ist; hier im Gemerk verrichtet er still sein strenges Werk. Sieben Fehler gibt er euch vor, die merkt er mit Kreide dort an: wenn er über sieben Fehler verlor, dann versang der Herr Rittersmann. (Er setzt sich im Gemerk) Gar fein er hört; doch, dass er euch den Mut nicht stört, säh't ihr ihm zu, so gibt er euch Ruh', und schliesst sich gar hier ein, - lässt Gott euch befohlen sein. (Er streckt den Kopf, höhnisch freundlich nickend heraus und verschwindet hinter dem zugezogenen Vorhange des Gemerkes gänzlich) Kothner (winkt den Lehrbuben) (zu Walther) Was euch zum Liede Richt' und Schnur, vernehmt nun aus der Tabulatur! (Die Lehrbuben haben die an der Wand aufgehängte Tafel der "Leges Tabulaturae" herabgenommen und halten sie Kotbner vor; dieser liest daraus.) (lesend) "Ein jedes Meistergesanges Bar stell' ordentlich ein Gemässe dar aus unterschiedlichen Gesätzen, die keiner soll verletzen. Ein Gesätz besteht aus zweenen Stollen, die gleiche Melodei haben sollen; der Stoll' aus etlicher Vers' Gebänd', der Vers hat einen Reim am End'. Darauf so folgt der Abgesang, der sei auch etlich' Verse lang, und hab' sein' besond're Melodei, als nicht im Stollen zu finden sei. Derlei Gemässes mehre Baren soll ein jed' Meisterlied bewahren; und wer ein neues Lied gericht', das über vier der Silben nicht eingreift in andrer Meister Weis', des Lied erwerb' sich Meisterpreis!" (Er gibt die Tafel den Lehrbuben zurück; diese hängen sie wieder auf) Nun setzt euch in den Singestuhl. Walther (mit einem Schauer) Hier - in den Stuhl? Kothner Wie's Brauch der Schul'! Walther (besteigt den Stuhl und setzt sich mit Widerstreben) (beiseite) Für dich, Geliebte, sei's getan! Kothner (sehr laut) Der Sänger sitzt. Beckmesser (unsichtbar im Gemerk, sehr grell) Fanget an! Walther "Fanget an!" So rief der Lenz in den Wald, dass laut es ihn durchhallt: und wie in fern'ren Wellen der Hall von dannen flieht, von weither naht ein Schwellen, das mächtig näher zieht. Es schwillt und schallt, es tönt der Wald von holder Stimmen Gemenge; nun laut und hell, schon nah zur Stell', wie wächst der Schwall! Wie Glockenhall ertost des Jubels Gedränge! Der Wald, wie bald antwortet er dem Ruf, der neu ihm Leben schuf: stimmte an das süsse Lenzeslied! (Man hört aus dem Gemerk unmutige Seufzer des Merkers und heftiges Anstreichen mit der Kreide. - Auch Walther hat es bemerkt; nach kurzer Störung fährt er fort.) In einer Dornenhecken, von Neid und Gram verzehrt, musst' er sich da verstecken, der Winter, grimmbewehrt: von dürrem Laub umrauscht, er lauert da und lauscht wie er das frohe Singen zu Schaden könnte bringen. (Er steht vom Stuhle auf) Doch: fanget an! So rief es mir in der Brust, als noch ich von Liebe nicht wusst'. Da fühlt' ich's tief sich regen, als weckt' es mich aus dem Traum; mein Herz mit bebenden Schlägen erfüllte des Busens Raum: Das Blut, es wallt mit Allgewalt, geschwellt von neuem Gefühle, aus warmer Nacht, mit Übermacht, schwillt mir zum Meer der Seufzer Heer in wildem Wonnegewühle. Die Brust mit Lust antwortet sie dem Ruf, der neu ihr Leben schuf; stimmt nun an das hehre Liebeslied. Beckmesser (den Vorhang aufreissend) Seid ihr nun fertig? Walther Wie fraget Ihr? Beckmesser Mit der Tafel ward ich fertig schier. (Er hält die ganz mit Kreidestrichen bedeckte Tafel heraus; die Meister brechen in ein Gelächter aus) Walther Hört doch, zu meiner Frauen Preis gelang' ich jetzt erst mit der Weis'. Beckmesser (das Gemerk verlassend) Singt, wo ihr wollt! Hier habt ihr vertan! Ihr Meister, schaut die Tafel euch an: so lang ich leb', ward's nicht erhört! Ich glaubt's nicht, wenn ihr's all auch schwört! Walther Erlaubt ihr's, Meister, dass er mich stört? Blieb' ich von Allen ungehört? Pogner Ein Wort, Herr Merker! ihr seid gereizt. Beckmesser Sei Merker fortan, wer darnach geizt. Doch dass der Junker hier versungen hat, beleg' ich erst noch vor der Meister Rat. Zwar wird's 'ne harte Arbeit sein: wo beginnen, da wo nicht aus noch ein? Von falscher Zahl, und falschem Gebänd' schweig' ich schon ganz und gar: zu kurz, zu lang - wer ein End' da fänd'! Wer meint hier im Ernst einen Bar? Auf "blinde Meinung" klag' ich allein, Sagt, konnt' ein Sinn unsinniger sein? Mehrere Meister Man ward nicht klug; ich muss gestehn, Ein Ende konnte keiner erseh'n. Beckmesser Und dann die Weis', welch tolles Gekreis' aus "Abenteuer-", "blau Ritterspornweis", "hoch Tannen-", "stolz Jünglingston"! Kothner Ja, ich verstand gar nichts davon. Beckmesser Kein Absatz wo, kein' Koloratur; von Melodei auch nicht eine Spur! (Die Meister sind im wachsenden Aufstand begriffen) Mehrere Meister Wer nennt das Gesang? Es ward einem bang! Vogelgesang Eitel Ohrgeschinder! Zorn Auch gar nichts dahinter! Kothner Und gar vom Singstuhl ist er gesprungen! Beckmesser Wird erst auf die Fehlerprobe gedrungen? Oder gleich erklärt, dass er versungen? Sachs (der vom Beginn an Walther mit wachsendem Ernst zugehört hat, schreitet vor) Halt, Meister! Nicht so geeilt! Nicht jeder eure Meinung teilt. - Des Ritters Lied und Weise, sie fand ich neu, doch nicht verwirrt; verliess er unsre Gleise, schritt er doch fest und unbeirrt. Wollt ihr nach Regeln messen, was nicht nach eurer Regeln Lauf, der eignen Spur vergessen, sucht davon erst die Regeln auf! Beckmesser Aha, schon recht! Nun hört ihr's doch: den Stümpern öffnet Sachs ein Loch, da aus und ein nach Belieben ihr Wesen leicht sie trieben! Singet dem Volk auf Markt und Gassen! Hier wird nach den Regeln nur eingelassen. Sachs Herr Merker, was doch solch ein Eifer? Was doch so wenig Ruh'! Eu'r Urteil, dünkt mich, wäre reifer, hörtet ihr besser zu. Darum so komm' ich jetzt zum Schluss, dass den Junker man zu End' hören muss. Beckmesser Der Meister Zunft, die ganze Schul', gegen den Sachs da sind wir Null! Sachs Verhüt' es Gott, was ich begehr', dass das nicht nach den Gesetzen wär'! Doch da nun steht geschrieben: "Der Merker werde so bestellt, dass weder Hass noch Lieben das Urteil trübe, das er fällt." Geht er nun gar auf Freiers Füssen, wie sollt' er da die Lust nicht büssen, den Nebenbuhler auf dem Stuhl' zu schmähen vor der ganzen Schul'? (Walther flammt auf.) Nachtigall Ihr geht zu weit! Kothner Persönlichkeit. Pogner Vermeidet, Meister, Zwist und Streit! Beckmesser Ei! Was kümmert's doch Meister Sachsen, auf was für Füssen ich geh'? Liess' er doch lieber Sorge sich wachsen, dass mir nichts drück' die Zeh'! Doch seit mein Schuster ein grosser Poet, gar übel es um mein Schuhwerk steht: da seht, wie's schlappt und überall klappt! All' seine Vers' und Reim' liess' ich ihm gern daheim, Historien, Spiel' und Schwänke dazu, brächt' er mir morgen die neuen Schuh'! Sachs (kratzt sich hinter den Ohren) Ihr mahnt mich da gar recht: doch schickt sich's, Meister, sprecht, dass, find' ich selbst dem Eseltreiber ein Sprüchlein auf die Sohl', dem hochgelahrten Herrn Stadtschreiber ich nichts drauf schreiben soll? (Walther steigt in grosser Aufregung auf den Singstuhl und blickt stehend herab) Das Sprüchlein, das eu'r würdig sei, mit all meiner armen Poeterei, fand ich noch nicht zur Stund'; doch wird's wohl jetzt mir kund, wenn ich des Ritters Lied gehört: drum sing' er nun weiter ungestört! Beckmesser Nicht weiter! Zum Schluss! Die Meister (ausser Sachs und Pogner) Genug! Zum Schluss! Sachs (zu Walther) Singt, dem Herrn Merker zum Verdruss!
ZWEITER AUFZUG Die Bühne stellt im Vordergrunde eine Strasse im Längendurchschnitt dar, welche in der Mitte von einer schmalen Gasse, nach dem Hintergrunde zu krumm abbiegend, durchschnitten wird, so dass sich in Front zwei Eckhäuser darbieten, von denen das eine, reichere, rechts, das Haus Pogners, das andere, einfachere, links, das des Sachs ist. Zu Pogners Hause führt von der vorderen Strasse aus eine Treppe von mehreren Stufen; vertiefte Türe, mit Steinsitzen in den Nischen. Zur Seite ist der Raum, ziemlich nahe an Pogners Hause, durch eine dickstämmige Linde abgegrenzt; grünes Gesträuch umgibt sie am Fuss, vor welchem auch eine Steinbank angebracht ist. Der Eingang zu Sachsens Hause ist ebenfalls nach der vorderen Strasse zu gelegen; eine geteilte Ladentür führt hier unmittelbar in die Schusterwerkstatt; dicht dabei steht ein Fliederbaum, dessen Zweige bis über den Laden herabhängen. Nach der Gasse zu hat das Haus noch zwei Fenster, von welchen das eine zur Werkstatt, das andere zu einer dahinter liegenden Kammer gehört. [Alle Häuser, namentlich auch die der engeren Grasse, müssen praktikabel sein].
(Eva ist auf die Strasse getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unvermerkt an der Türe bei Sachs) (Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentür so weit zu schliessen, dass sie nur ein wenig Licht noch durchlässt: er selbst verschwindet so fast gänzlich.)
(Eva fasst ihn besänftigend bei der Hand)
(Beckmesser, der bei jedem Schlage schmerzlich zusammenzuckte, war genötig, bei Berkämpfung der inneren Wut oft den Ton, den er immer zärtlich zu halten sich bemükte, kurz und heftig auszustossen, was das Komische seines an sich gänzlich prosodielosen Vortrages sehr vermehrte. Jetzt bricht er wütend um die Ecke auf Sachs los) Magdalene (am Fenster, schreiend) Ach, Himmel! David! Gott, welche Not! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sie schlagen sich tot! Beckmesser Verfluchter Bursch! Lässt du mich los? David Gewiss! Die Glieder brech' ich dir bloss! (Beckmesser und David balgen sich fortwährend; bald verschwinden sie gänzlich, bald kommen sie wieder in den Vordergrund, Beckmesser immer auf der Flucht, David ihn einholend, festhaltend und prügelnd) Nachbar Seht nach! Springt zu! Da würgen sich zwei! Heda! Herbei! 's gibt Schlägerei: Ihr da, lasst los! Gebt freien Lauf! Lasst ihr nicht los, wir schlagen drauf! Ein Nachbar Ei, seht! Auch ihr hier! Geht's euch was an? ein zweiter Was sucht ihr hier? Hat man euch 'was getan? Erster Nachbar Euch kennt man gut! Zweiter Nachbar Euch noch viel besser! Erster Nachbar Wieso denn? Zweiter Nachbar (zuschlagend) Ei so! Einige Sind die Schuster. Andere Nein, sind die Schneider. Die Ersteren Die Trunkenbolde! Die Anderen Die Hungerleider! Die Nachbarn (auf der Gasse durcheinander) Esel! Dummrian! Euch gönnt ich's schon lange! Wird euch wohl bange? Das für die Klage! Seht euch vor, wenn ich schlage! Hat euch die Frau gehetzt? Schau', wie es Prügel setzt! Seid ihr noch nicht gewitzt? So, schlagt doch! Das sitzt! Dass dich, Hallunke! Wartet, ihr Racker! Ihr Massabzwacker! Dummer Kerl! Schert euch heim! Macht euch fort! Haltet's Maul! Lehrbuben (einzeln, dann kommen mehr von allen Seiten dazu) Kennt man die Schlosser nicht? Die haben's sicher angericht'! Ich glaub', die Schmiede werden's sein! Nein, 's sind die Schlosser dort, ich wett'! Ich kenn' die Schreiner dort! Gewiss, die Metzger sind's. Hei! Schaut die Schäffler dort beim Tanz! Dort seh' die Bader ich im Glanz; herbei zum Tanz! Immer mehr! 's gibt grosse Keilerei! Krämer finden sich zur Hand mit Gerstenstang' und Zuckerkand; mit Pfeffer, Zimt, Muskatennuss, sie riechen schön, doch machen viel Verdruss; sie riechen schön, und bleiben gern vom Schuss. Seht nur, der Has'! hat überall die Nas'. Meinst du damit etwa mich? Mein' ich damit etwa dich? Immer mehr heran! Jetzt fängt's erst richtig an! Hei, nun geht's Plauz! hast du nicht gesehn! Hast's auf die Schnauz! Ha! nun geht's: Krach! Wo es sitzt, da fleckt's, da wächst kein Gras sobald nicht wieder nach! Gesellen (mit Knütteln bewaffnet, kommen von verschiedenen Seiten dazu) Heda! Gesellen 'ran! Dort wird mit Zank und Streit getan; da gibt's gewiss noch Schlägerei; Gesellen, haltet euch dabei! Gibt's Schlägerei, wir sind dabei! 'sind die Weber! 'sind die Gerber! Die Preisverderber! Dacht' ich mir's doch gleich: spielen immer Streich'. Wischt's ihnen aus! Gebt's denen scharf! Immer mehr, die Kelerei wird gross! Dort den Metzger Klaus kenn' ich heraus! 's ist morgen der Fünfte! 'brennt manchem im Haus! Herbei! Hei! Hier setzt's Prügel! Schneider mit dem Bügel! Zünfte heraus! Bald ist der Fünfte! Nur tüchtig d'rauf und d'ran, wir schlagen los! Ihr da macht! Packt euch fort! Wir sind hier grad' am Ort! Wollet ihr etwa den Weg uns hier verweran? Macht Platz, wir schlagen drein! Macht euch selber fort! Gürtler! Spengler! Leimsieder! Zinngiesser! Lichtsieder! Schert euch selber fort! Wir sind grad' am Ort! Nicht gewichen! Schlagt sie nieder! Keiner weiche! Tuchscherer! Leinweber! Schlagt sie nieder! Die Meister (und älteren Bürger, von verschiedenen Seiten dakukommend) Was gibt's denn da für Zank und Streit? Das tost ja weit und breit! Gebt Ruh' und schert nach Hause euch heim, sonst schlag' ein Hageldonnerwetter drein! Schert euch gleich nach Hause heim! Ei, so schlag' ein heil'ges Hageldonnerwetter drein, wollt ihr nicht gleich nach Hause heim! (Nachbarinnen haben die Fenster geöffnet und gucken heraus) Nachbarinnen Was ist das für Zanken und Streit? Gleich auseinander da, ihr Leut'! Wär' nur der Vater nicht dabei! Ach, welche Not! Mein, seht nur hier! Der Lärm und Streit: 's wird einem angst und bang! He da! Ihr dort unten, so seid doch nur gescheit! Seid ihr denn alle gleich zu Streit und Zank bereit? Mein! Dort schlägt sich mein Mann! Säh' die Not ich wohl an? Seid ihr denn alle toll? Sind euch vom Wein die Köpfe voll? Hilfe! Der Vater! Der Vater! Ach, sie hau'n ihn tot! Peter! So höre doch! Gott, welche Höllennot! Hört keines mehr sein Wort! Die Köpf' und Zöpfe wackeln hin und her! Welches Toben! Welches Krachen! So hört doch! Auf, schaffet Wasser her! Da giesst's auf die Köpf' hinab! Auf! schreit zu Hilfe! Mord und Zeter! Auf, schreit lauter: Hilfe, Mord und Zeter! Magdalene (mit höchster Anstrengung) Hör' doch nur, David! So lass doch nur den Herrn dort los, er hat mir nichts getan! Ach, welche Not! (hinabspäbend) Ach, welche Not! Mein, David, ist er toll! David, hör, 's ist Herr Beckmesser! Pogner (ist im Nachtgewande oben an das Fenster getreten) Um Gott! Eva! Schliess zu! Ich seh', ob unt' im Hause Ruh'! (Er zieht Magdalene, welche jammernd die Hände nach der Gasse hinabgerungen, herein und schliesst das Fenster) Walther (der bisher mit Eva sich hinter dem Gebüsch verborgen, fasst jetzt Eva dicht in den linken Arm und zieht mit der rechten Hand das Schwert) Jetzt gilt's zu wagen, sich durchzuschlagen! (Er dringt mit geschwungenem Schwert bis in die Mitte der Bühne vor, um sich mit Eva durch die Gasse durchzuhauen. Da springt Sachs mit einem kräftigen Satze aus dem Laden, bahnt sich mit geschwungenem Knieriemen den Weg bis zu Walther und packt diesen beim Arm.) (Sogleich mit den Eintritte des Nachtwächterhornes haben die Frauen aus allen Fenstern starke Güsse von Wasser aus Kannen, Krügen und Becken auf die Streitenden hinabstürzen lassen; dieses, mit dem besonders starken Tönen des Hornes zugleich, wirkt auf alle mit einem panischen Schrecken. Nachbarn, Lehrbuben, Gesellen und Meister suchen in eiliger Flucht nach allen Seiten hin das Weite, so dass die Bühne sehr bald gänzlich leer wird; auch die Nachbarinnen verschwinden von den Fenstern, welche sie zuschlagen) Pogner (auf der Treppe) He! Lene! Wo bist du! Sachs (die halb ohnmächtige Eva die Treppe hinaufstossend) Ins Haus, Jungfer Lene! (Pogner empfängt Eva und zieht sie am Arm in das Haus, Sachs, mit einem Knieriemen David eines überhauend und mit einem Fusstritt ihn voran in den Laden stossend, zieht Walther, den er mit der andren Hand fest gefasst hält, gewaltsam schnell ebenfalls mit sich hinein und schliesst sogleich fest hinter sich zu. Beckmesser, durch Sachs von David befreit, sucht sich, jämmerlich zerschlagen, eilig durch die Menge zu flüchten). (Als die Strasse und Gasse leer geworden und alle Häuser geschlossen sind, betritt der Nachtwächter im Vordergrunde rechts die Bühne, reibt sich die Augen, sieht sich verwundert um, schüttelt den Kopf und stimmt mit leise bebender Stimme den Ruf an) Der Nachtwächter Hört', ihr Leut', und lasst euch sagen, die Glock' hat eilfe geschlagen: bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk, dass kein böser Geist eu'r Seel' beruck'! Lobet Gott, den Herrn! (Der Vollmond tritt hervor und scheint hell in die Gasse hinein; der Nachtwächter schreitet langsam dieselbe hinab). (Als der Nachtwächter um die Ecke biegt, fällt der Vorhang schnell genau mit dem letzten Takt) DRITTER AUFZUG In Sachsens Werkstatt. (Kurzer Raum). Im Hintergrunde die halb geöffnete Ladentüre, nach der Strasse führend. Rechts zur Seite eine Kammertüre. Links das nach der Gasse gehende Fenster mit Blumenstöcken davor; zur Seite ein Werktisch. Sachs sitzt auf einem grossen Lehnstuhle an diesem Fenster, durch welches die Morgensonne hell auf ihn bereinscheint; er hat vor sich auf dem Schosse einen grossen Folianten und ist im Lesen vertieft. (David zeigt sich, von der Strasse kommend, unter der Ladentüre; er lugt herein, und da er Sachs gewahrt, fährt er zurück). (Er versichert sich aber, dass Sachs ihn nicht bemerkt, schlüpft herein, stellt seinen mitgebrachten Korb auf den hinteren Werktisch beim Laden und untersucht seinen Inhalt; er holt Blumen und Bänder hervor, kramt sie auf dem Tische aus und findet endlich auf dem Grunde eine Wurst und einen Kuchen; er lässt sich an, diese zu verzehren, als Sachs, der ihn fortwährend nicht beachtet, mit starkem Geräusch eines der grossen Blätter des Folianten umwendet). David (fährt zusammen, verbirgt das Essen und wendet sich zurück) Gleich, Meister! Hier! Die Schuh' sind abgegeben in Herrn Beckmessers Quartier. Mir war's, als rieft ihr mich eben? (Er nähert sich, sehr demütig, langsam Sachs) Er tut, als säh' er mich nicht? Da ist er bös', wenn er nicht spricht! Ach Meister! Wollt mir verzeih'n! Kann ein Lehrbub' vollkommen sein? Kenntet ihr die Lene, wie ich, dann vergäb't ihr mir sicherlich. Sie ist so gut, so sanft für mich, und blickt mich oft an so innerlich. Wenn ihr mich schlagt, streichelt sie mich und lächelt dabei holdseliglich; muss ich karieren, füttert sie mich, und ist in allem gar liebelich! Nur gestern, weil der Junker versungen, hab' ich den Korb ihr nicht abgerungen. Das schmerzte mich; und da ich fand, dass nachts einer vor dem Fenster stand, und sang zu ihr, und schrie wie toll, da hieb ich ihm den Buckel voll. Wie käm' nun da 'was Grosses drauf an? Auch hat's unsrer Liebe gar wohl getan! Die Lene hat mir eben alles erklärt und zum Fest Blumen und Bänder beschert. (Er bricht in grössere Angst aus) Ach, Meister! Sprecht doch nur ein Wort! (beiseite) Hätt ich nur die Wurst und den Kuchen erst fort! (Sachs hat unbeirrt immer weiter gelesen. Jetzt schlägt er den Folianten zu. Von dem starken Geräusch erschrickt David so, dass er strauchelt und unwillkürlich vor Sachs auf die Knie fällt. Sachs sieht über das Buch, das er noch auf dem Schosse behält, hinweg, über David, welcher, immer auf den Knien, furchtsam nach ihm aufblickt, hin und heftet seinen Blick unwillkürlich auf den hinteren Werktisch.) Sachs (sehr leise) Blumen und Bänder seh' ich dort: schaut hold und jugendlich aus. Wie kamen mir die ins Haus? David (verwundert über Sachsens Freundlichkeit) Ei, Meister! 's ist heut festlicher Tag; da putzt sich jeder, so schön er mag. Sachs (immer leise, wie für sich) Wär' heut' Hochzeitsfest? David Ja, käm's erst so weit, dass David die Lene freit! Sachs (immer wie zuvor) 's war Polterabend, dünkt mich doch? David (für sich) (Polterabend? Da krieg ich's wohl noch?) (laut) Verzeiht das, Meister; ich bitt', vergesst! Wir feiern ja heut' Johannisfest. Sachs Johannisfest? David (Hört er heut' schwer?) Sachs Kannst du dein Sprüchlein, so sag' es her! David (der allmählich wieder zu stehen gekommen) Mein Sprüchlein? Denk', ich kann's gut. (beiseite) ('s setzt nichts! Der Meister ist wohlgemut) (stark und grob) "Am Jordan Sankt Johannes stand" (Er hat in der Zerstreuung die Worte mit der Melodie von Beckmessers Werbelied aus dem vorhergehenden Aufzuge gesungen; Sachs macht eine verwunderte Bewegung, worauf David sich unterbricht) Sachs Wa-was? David (lächelnd) Verzeiht das Gewirr: mich machte der Polterabend irr'. (Er sammelt und stellt sich gehörig auf) "Am Jordan Sankt Johannes stand, all' Volk der Welt zu taufen; kam auch ein Weib aus fernem Land, aus Nürnberg gar gelaufen. Sein Söhnlein trug's zum Uferrand, empfing da Tauf' und Namen; doch als sie dann sich heim gewandt, nach Nürnberg wieder kamen, in deutschem Land gar bald sich fand's, dass wer am Ufer des Jordans Johannes ward genannt, an der Pegnitz hiess der Hans." (sich besinnend) (feurig) Hans? Hans! Herr Meister! 's ist heut' eu'r Namenstag! Nein! Wie man so 'was vergessen mag! Hier! hier die Blumen sind für euch, die Bänder, und was nur alles noch gleich? Ja hier, schaut! Meister, herrlicher Kuchen! Möchtet ihr nicht auch die Wurst versuchen? Sachs (immer ruhig, ohne seine Stellung zu verändern) Schön' Dank, mein Jung! Behalt's für dich. Doch heut' auf die Wiese begleitest du mich; mit Blumen und Bändern putz' dich fein: sollst mein stattlicher Herold sein! David Sollt' ich nicht lieber Brautführer sein? Meister, ach! Meister, ihr müsst wieder frei'n. Sachs Hätt'st wohl gern eine Meist'rin im Haus? David Ich mein', es säh' doch viel stattlicher aus. Sachs Wer weiss? Kommt Zeit, kommt Rat. David 's ist Zeit. Sachs Dann wär der Rat wohl auch nicht weit? David Gewiss! Geh'n schon Reden hin und wieder; den Beckmesser, denk' ich, säng't ihr doch nieder? Ich mein', dass der heut' sich nicht wichtig macht. Sachs Wohl möglich; hab' mir's auch schon gedacht. Jetzt geh', und stör' mir den Junker nicht. Komm' wieder, wenn du schön gericht't! David (küsst Sachs gerührt die Hand) So war er noch nie, wenn sonst auch gut! (Kann mir gar nicht mehr denken, wie der Knieriemen tut!) (Er packt seine Sachen zusammen und geht in die Kammer ab) (Sachs, immer noch den Folianten auf dem Schosse, lehnt sich, mit untergestütztem Arm, sinnend darauf; es scheint, dass ihn das Gespräch mit David gar nicht aus seinem Nachdenken gestört hat) Sachs Wahn! Wahn! Überall Wahn! Wohin ich forschend blick', in Stadt- und Weltchronik, den Grund mir aufzufinden, warum gar bis aufs Blut die Leut' sich quälen und schinden in unnütz toller Wut! Hat keiner Lohn noch Dank davon: in Flucht geschlagen, wähnt er zu jagen; hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch, wenn er sich wühlt ins eig'ne Fleisch, wähnt Lust sich zu erzeigen! Wer gibt den Namen an? 's ist halt der alte Wahn, ohn' den nichts mag geschehen, 's mag gehen oder stehen! Steht's wo im Lauf, er schläft nur neue Kraft sich an: gleich wacht er auf, dann schaut, wer ihn bemeistern kann! Wie friedsam treuer Sitten, getrost in Tat und Werk, liegt nicht in Deutschlands Mitten mein liebes Nürenberg! (Er blickt mit freudiger Begeisterung ruhig vor sich hin) Doch eines Abends spat, ein Unglück zu verhüten bei jugendheissen Gemüten, ein Mann weiss sich nicht Rat; ein Schuster in seinem Laden zieht an des Wahnes Faden; wie bald auf Gassen und Strassen fängt der da an zu rasen! Mann, Weib, Gesell und Kind fällt sich da an wie toll und blind; und will's der Wahn gesegnen, nun muss es Prügel regnen, mit Hieben, Stoss' und Dreschen den Wutesbrand zu löschen. Gott weiss, wie das geschah? Ein Kobold half wohl da: ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht; der hat den Schaden angericht't. Der Flieder war's: Johannisnacht! Nun aber kam Johannistag! Jetzt schaun wir, wie Hans Sachs es macht, dass er den Wahn fein lenken mag, ein edler Werk zu tun: denn lässt er uns nicht ruh'n, selbst hier in Nürenberg, so sei's um solche Werk', die selten vor gemeinen Dingen und nie ohn' ein'gen Wahn gelingen. (Walther tritt unter der Kammertür ein. Er bleibt einen Augenblick dort stehen und blickt auf Sachs. Dieser wendet sich und lässt den Folianten auf den Boden gleiten) Sachs Grüss' Gott, mein Junker! Ruhtet ihr noch? Ihr wachtet lang, nun schlieft ihr doch? Walther Ein wenig, aber fest und gut. Sachs So ist euch jetzt wohl bass zumut? Walther Ich hatt' einen wunderschönen Traum. Sachs Das deutet Gut's: erzählt mir den! Walther Ihn selbst zu denken wag' ich kaum: ich fürcht' ihn mir vergeh'n zu seh'n. Sachs Mein Freund! Das grad' ist Dichters Werk, dass er sein Träumen deut' und merk'. Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn wird ihm im Traume aufgetan: all' Dichtkunst und Poeterei ist nichts als Wahrtraumdeuterei. Was gilt's, es gab der Traum euch ein, wie heut' ihr wolltet Meister sein? |